Von der Shark Bay bis zum Karijini National Park (2015)

Wie interessant doch manchmal die Denkweisen von Kindern sind. Da meint doch Angad, nachdem er mit uns und gefühlten 300 anderen Menschen die berühmten Delfine von Monkey Mia (Affen gibt es hier im Übrigen keine) gesehen hat, dass die Tiere für ihn gar keine wilden Delfine sind, da sie doch von den Menschen gefüttert werden und da könne er ja auch gleich in den Zoo.
Ehrlich gesagt sind Guri und ich auch geschockt, was den Menschenauflauf angeht. Vor zehn Jahren standen wir im kleinen Kreis mit vielleicht sechs Personen – die Zeiten ändern sich.
Dafür bietet der anschließende Francois Peron National Park so ziemlich alles, was das Allradfahrerherz höher schlagen lässt.
Da denke ich noch am Anfang, als wir die Reifenluftdruckregulierungsstation (schönes Wort) passieren, erst mal abwarten, wie tief der Sand überhaupt wird, bevor ich mir unnötige Arbeit mache. Dann fahren wir auch eine ganze Weile auf relativ harten Sand, ohne dass das Fahrzeug irgendwelche Probleme bezüglich der Haftung bekommt. Bis, nun gut, bis wir dann urplötzlich im tiefen Sand stecken bleiben. Ich probiere gar nicht erst herum, wieder raus zukommen.
Jetzt ist doch Handarbeit gefordert. Wir graben alle vier Räder frei und lassen den Luftdruck auf 20 PSI ab. Schon kann die Fahrt fortgesetzt werden. Das Procedere müssen wir noch viermal wiederholen um den riesigen Campground zu erreichen.
Ein paar hundert Meter ist eine Gruppe Granpies am Werk, die den Jahresbedarf an Fisch aufstocken, allerdings sind diese so weit entfernt, dass wir den Generator, der die riesige Kühltruhe am Laufen hält, nicht hören.
Das Rauschen des Meeres wiegt uns in den Schlaf und die Gedanken an die beiden Dornenteufel, die wir im Park entdecken durften.
Mein Ziel war ursprünglich am Ningaloo Riff wieder zu tauchen. Nirgendwo sonst in Australien ist das Riff näher am Ufer als hier. Erstaunlicherweise hat hier das Wasser noch immer Wintertemperatur von ca. 21 Grad. Für mich als ausgesprochenen Warmwassertaucher eindeutig zu kalt. Somit fällt auch das Schnorcheln ins Wasser. Auch der Wind pfeift uns kalt um die Ohren.
Dennoch sind die schneeweißen Sandstrände an türkisblauen Lagunen für uns ein Paradies. Schon am ersten Tag sehen wir einen Delfin seine runden schwimmen – und keine weiteren Gaffer weit und breit. Er dreht seine runden nur für uns. Auch einige Buckelwale blasen stolz ihre Fontänen in die Höhe.
Die beeindruckende Schlucht am Yardie Creek erweist sich als extrem artenreich. Über unseren Köpfen kreischen Kakadus, ein Emu latscht gelangweilt vorbei und die seltenen Felsen Kängurus geben sich ein abendliches Stelldichein. Staunend und ergriffen ob der Erlebnisse um uns herum, stürzen sich auch noch zwei seltene Adler in die Schlucht um ihr Abendessen zu sichern.
Manchmal sind wir schon sehr naiv, da denken wir am Abend gemütlich in den Cape Range National Park einzufahren um einen Campground am Meer zu erhaschen um dann bei beginnender Dunkelheit (ab 18 Uhr) festzustellen, dass nichts mehr frei ist.
Wir werden auf einen offiziellen Campingplatz gezwungen und müssen, da zu spät angekommen, einen Platz mit Strom für einen satten Aufpreis nehmen. Lange Verhandlungen mit der kompromisslosen und genervten Dame an der Rezeption, wir brauchen definitiv keinen Strom, bleiben erfolglos, sie verweist auf die Uhr, in zwei Minuten schließe sie und wir müssen uns entscheiden. Ha, was sollen wir wohl tun, wenn wir keine andere Wahl haben und die Dunkelheit den letzten Lichtstrahl aufsaugt?
Was für manche Reisende schon ein Abenteuer sein mag, auf einem Campingplatz zu übernachten, ist für uns ein Albtraum. Alleine schon diese grässlich eingeteilten Parzellen.
Fernsehgeräusche bis in die Nacht, laut schnatternde Menschen und die hohen Kosten.
Nicht mal einen ordentlichen Internet Empfang haben wir hier.
Dafür für schlappe 55 Dollar eine verdreckte und winzige Küche mit zwei (!) Stühlen um die sich 10 Interessenten balgen. Am Grill eine Warteschlange. Was solls, dafür zahlt man doch gerne mal über 50 Dollar.
Immerhin können wir hier mal wieder unsere Wäsche waschen. Waschen? Das mit dem Waschen ist in Australien auch eine Besonderheit.
Um den allgegenwärtigen roten Sand, der alle Kleidungsstücke innerhalb kürzester Zeit in eine ungewollte Eisen-Zink- Farbe färbt,wieder loszuwerden, erwartet man von den schlauen Australiern eine moderne Spezialwaschmaschine, die im Turbogang jedes Wäschestück wieder weiß wäscht.
Und wie sieht diese Hochleistungsgerät aus? Stellt Euch eine einfache, vertikal eingebaute, Waschtrommel, meistens stark verrostet und voller Waschmittel- und Flussenreste tausender Vorgänger, vor, in die Australiens schmutzigste Wäsche gegeben wird. Darauf schüttet der, in Hoffnung auf saubere Wäsche, hochmotivierte Nutzer, etwas Waschmittel und wartet auf das Wunder.
Und was passiert? Träge, scheppernd und in Zeitlupe setzt sich das Unikum in Bewegung und bewegt die Wäsche abwechselnd wenige Zentimeter in die eine und dann in die andere Richtung. Niemand braucht bei diesem Vorgang Angst um die Abnutzung seiner Wäsche zu haben, allerdings bleibt der rote Sand hartnäckig in allen Kleidungsstücken hängen.
Jetzt könntet Ihr meinen ich berichte von einer einmaligen Erfahrung auf diesem völlig überteuerten Campingplatz Nahe Exmouth, aber de Fakto sind so gut wie ALLE Waschmaschinen in Australien gleicher Bauart – ein Graus. Wir waschen trotzdem von Zeit zu Zeit – aus Prinzip.
Die Campgrounds in den Nationalparks bieten keinerlei Service, dafür steht auf allen ein Oz Bush Loo. Wir lieben diese Plumsklos und der ammoniakhaltige Geruch erzwingt von jedem Besucher eine Höchstgeschwindigkeit bei der Verrichtung seiner Geschäfte. Somit müssen wir auch nie lange warten, um ein Oz Bush Loo, mit dem von innen sofort erkennbaren Schild einer sprechenden Klopapierrolle mit Augen und der Sprechblase: „G´day mate, I´m your Oz Bush Loo“ betreten zu dürfen.
Seit neustem gibt es freiwillige Helfer auf einigen Campgrounds. Das sind Rentner, die euphorisch und hochmotiviert etwas Leben auf den Platz bringen und sich um die Reinigung, der eigentlich wartungsfreien Oz Bush Loos kümmern. Zudem wissen sie auch so allerhand über die Umgebung, zum Beispiel, welche Schlangen gerade ihr Unwesen treiben.
Auch wenn die Sichtungen sehr rar sind, achten wir immer auf unsere Schritte. Immerhin leben in Australien die giftigsten Schlangen der Erde.
Nicht nur die giftigsten Schlangen, die giftigsten Tiere überhaupt. Schon bekloppt von uns zum vierten Mal ein Land zu bereisen, in dem ein einziger Biss der Todesotter den menschlichen Körper „in an blink of an eye“, wie es überall auf Warntafeln zu lesen ist, zu erliegen bringt.
Und das auch noch mit Kindern!
Haie, tödliche Tintenfische und Giftkegelschnecken, sowie Würfelquallen, die mit ihren bis zu drei Meter langen Tentakeln auch noch Jagd auf Menschen machen, im Meer und am Land nur die paar Schlangen, Spinnen und gelbe Wüstenskorpione.
Letzteren entdecken Simren und Angad unter einem Stein, jauchzend, glücklicherweise mit Vorsicht genießend und aus Entfernung beobachtend, bis sich dieser unter einem Stein in Sicherheit bringt.
Ich möchte nicht wissen, welches Getier sich gerade unter unserem Auto befindet, während ich hier die Buchstaben tippe.
Da sind uns die unzähligen Kängurus, Wellensittiche, Papageien und Eidechsen, die wir den ganzen Tag über sehen doch tausendmal lieber.
Von der Küste aus, auch ohne zu tauchen (im Moment bereue ich das gerade, aber das Great Barrier Riff kommt ja noch), steuern wir ins Landesinnere um erneut einen der absoluten landschaftlichen Höhepunkte Australiens zu erreichen, den Karijini National Park.
Bei 1,78 pro Liter am Roadhouse tanke ich sparsam, im nächsten Kaff können wir günstiger tanken.
Für diese umgesetzte Idee verfluche ich mich am nächsten Tag, als wir inmitten des Outbacks ohne Sprit stehen bleiben. Spärlich vorbeifahrenden Autos signalisieren wir sofort, dass es sich hier nicht um ein ernstzunehmendes Problem handelt, sondern nur um den Starrsinn seines Lenkers.
Schnell wird der 20 Liter Kanister vom (Oh nein, ich erinnere mich schon selbst an das Unwort unserer Reise) DACHGEPÄCKTRÄGER abgebunden und bevor sich der entleerte Tank füllen kann, nehme ich eine unfreiwillige Benzindusche, da ich den Einfüllstutzen nicht ordnungsgemäß anbringe. Schnell das Auge mit Wasser ausspülen und raus aus den stinkenden Klamotten. Blödheit kann in der Tat weh tun (und stinken).
In Tom Price springt Guri schnell in das Besucherzentrum und fragt nach der nächsten Dusche.
Als ich einige Minuten später meine Duschmünzen wechseln möchte, werde ich schon lachend mit „You must be the Petrol Man“ begrüßt. Sicherlich gibt es an den Stammtischen dieses Minenkaffs wieder eine neue Geschichte von den irren Reisenden zu berichten.
Tagelang stinke ich nach Benzin, mein Schicksal.<a href="http://www.frankzagel.de/wp-content/uploads/2014/08/Karijini-1.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-802" src="http://www.frankzagel.de/wp-content/uploads/2014/08/Karijini-1-300×225.jpg" alt="Karijini 1" width="300" height="225" /></a>
Jeden Tag gibt es lange Diskussionen mit den Kindern, damit sie ihren Schulkram erledigen. Immerhin haben wir die Welt als Klassenzimmer ausgewählt und Simrens tolle Schule hat uns die Unterlagen für die erste und die dritte Klasse zur Verfügung gestellt.
Eine einzige Stunde am Tag für Angad Buchstaben und Zahlen lernen, für Simren Kopfrechnen, Lesen und Schreiben. Eine einzige Stunde am Tag. Auch noch am Strand, im Schatten mit Melone und Ginger Beer (wohl das australische Äquivalent zu unserem Malzbier: Bappsüß aber saulecker). Ja wirklich nur eine Stunde und auch nicht mal jeden Tag. Und was passiert? Diskussionen, die sich schon über zwei volle Schulstunden ziehen. Zu kalt, zu heiß, Bauch voll, Bauch leer – was auch immer.<a href="http://www.frankzagel.de/wp-content/uploads/2014/08/Karijini-2.jpg"><img class="alignright size-large wp-image-803" src="http://www.frankzagel.de/wp-content/uploads/2014/08/Karijini-2-683×1024.jpg" alt="Karijini 2" width="625" height="937" /></a>
So eine Schulleben hätten Guri und ich gerne gehabt.
Auch heute im Karijini, nur EINE STUNDE! Es hat mal wieder drei Stunden Überzeugungsarbeit gekostet (und jede Menge Ausreden Seitens der Kinder, heute war sogar Bauchweh ein Thema).
Der Karijini besticht durch seine tiefen Schluchten, in denen sich Garten Eden befindet.
Kleine Flüsschen speisen sich in kühlende Pools, kleine Eukalyptuswälder und Büsche bringen grünes Leben zwischen die bis zu hundert Meter hohen, rot leuchtenden Felswände. Überalle blühen Wildblumen und Vögel zwitschern.
Dadurch zu wandern, teils spektakulär an ausgewaschenen Felsen kletternd, durch Pools hindurch watend oder schwimmend, das ist so einzigartig, dass wir die Schluchten des Karijini zu einem der schönsten Orte der Erde küren. Auch Simren und Angad sind im Paradies angekommen. „So haben wir uns Australien vorgestellt!“ tönt es aus den Mündern, während ein Schwarm knallbunter Lorekeets über ihren Köpfen fliegt und das nächste Schwimmbassin nur einige Meter entfernt zum abkühlen einlädt.
Hier soll es auch die größten australischen Pythons geben, die sich bisher hartnäckig verstecken.
Wir verlängern spontan um weitere Nächte, es gibt hier noch zu viel zu entdecken und wer weiß schon, wann wir wieder kommen!
Vielleicht sollen wir morgen die Schulsachen mit zum Fern Pool nehmen, für nur EINE STUNDE?

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